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Jakob unser Dauergast...

Seit fünf Jahren ist nun Jakob bei uns. Ich schreibe diese Zeilen im Frühsommer 2001. Im Großen und Ganzen traten bei Jakob keine Veränderungen ein. Trotzdem gibt es Verhaltensweisen und kleine Begebenheiten über die ich noch berichten will. Außerdem füge ich noch in lockerer Reihenfolge weitere Bilder ein. Sie haben meist keinen Bezug zum umliegenden Text.

Jakob`s zweitliebste Beschäftigung:Baumsitzen weitab jeglicher Behausung

Jakob`s zweitliebste Beschäftigung: Baumsitzen, weitab jeglicher Behausung

Da sich ein Rabe mit Erreichen der Geschlechtsreife einen Partner zulegt, hat Jakob notgedrungen mich als Denjenigen auserkoren. Obwohl er sein Fressen von jeher von meiner Frau bekommt, ist anscheinend das ständige Beisammensein hierfür entscheidender. Es gibt zwischen uns beiden seit Anbeginn ein morgentliches Ritual auf das Jakob größten Wert legt: Zusammensitzen, sich anschauen, mit ihm reden und ihn an Hals und Kopf kraulen. Ansonsten läßt er sich nicht anfassen, nur in solchen Situationen.
Wie ich inzwischen weiß, geht diese Bindung soweit, daß an einen Urlaub oder längere Abwesenheit nicht mehr zu denken ist. Er ist auch nicht übertragbar was soviel heißt, daß ich ihn nicht in Pflege geben könnte. Als Beispiel hierfür kann ich sein Verhalten während eines Krankenhaus-Aufenthaltes meinerseits, anführen. Jakob weigerte sich etwa zehn Tage lang zu fressen, er tigerte ständig herum und war auf der Suche nach mir. Erst mit Hilfe eines glänzenden Löffels gelang es meiner Frau ihn zu füttern und ihn dazu zu bewegen, selbst wieder etwas Nahrung aufzunehmen. So wichtig ist bei einem Raben der Partner!

Seit dieser Zeit -es liegt schon Jahre zurück- ist Jakob`s erster Gang am Morgen zum Schlafzimmer um sich zu vergewissern, ob ich auch da bin. Erst dann ist die Welt für ihn in Ordnung.
Wobei wir bei einer weiteren Eigenschaft eines Raben sind: sein gutes Gedächtnis, über Jahre hinweg. Er hat auch ein regelrecht fotografisches Gedächtnis. Woher ich das wissen will wird man sich fragen? Nun, es war nicht zu übersehen, daß sich Jakob`s Gefühlszustand an der Fuß-Unterseite wiederspiegelt. Und zwar in Gestalt der Temperatur. Einzelne Gefühlszustände wie z. B. Angst, lassen seine Fußsohlen regelrecht aufglühen. Wesentlich stärker als bei allgemein hohen Temperaturen. Da ich ihn -vor allem in "gefährlichen" Gegenden- immer auf dem blanken Arm sitzen habe, kann ich das gut verfolgen.
Alles was sich verändert hat macht Jakob Angst oder er wird unruhig. Das mag bei ihm durch sein Handycap, nicht fliehen zu können, so ausgeprägt sein. Außerdem ist ja ein Rabe übervorsichtig. Wenn z. B. beim Nachbarn heute ein Mülleimer vor der Tür steht der sonst nicht da war, dann ist es was zum Fürchten. Oft sind es noch kleinere Dinge die ihn in Aufruhr bringen. Ist aber ein Gegenstand nicht mehr da der sonst dastand, wird das von ihm genauso registriert, also hat Jakob das irgendwo gespeichert. Es ist schon geschehen, daß ich mit ihm einen Waldweg entlang gehe und plötzlich seine warmen Füße spüre und die Unruhe erkenne. Es war kurz nach einer Abzweigung. Nach reiflicher Überlegung mußte ich erkennen, daß ich das vorhergehende Mal als ich hier entlang ging, anders abgebogen war. Das lag schon Jahre zurück. Ich muß noch anmerken, daß Jakob bei allem Neuen Unruhe zeigt, auch beim erstmaligen Begehen eines Weges. Dies war kein Einzelfall, er hat sämtliche Wege intus. Schlimm war es, nachdem der Sturm "Lothar" bei uns ganze Wälder niedergewalzt hat. Jakob mußte und muß immer noch "neu abspeichern". Seine Erinnerung an schon gelaufene Wege erkenne ich übrigens auch daran, ob er selbst laufen will. Wenn nicht, ist es für ihn Neuland und viel zu gefährlich.
Jakob`s gutes Gedächtnis kommt mir manchmal beim Spazierengehen zugute. Da ich von Haus aus ein ganz mieserables Personen-Gedächtnis habe, komme ich oft unterwegs in Verlegenheit wenn mir Leute begegnen. Ich weiß dann nicht, ob "man sich kennt". Mit Jakob ist das kein Problem. An ihm sehe ich schon frühzeitig, ob er sie schon mal gesehen hat. Er macht das bei Personen wie bei Dingen: beim ersten Kontakt erst mal vorsichtig sein. Einmal dachte ich: "diesmal hat sich Jakob verhauen" als mir ein paar Wanderer entgegen kamen und Jakob sich total normal verhielt. Daraufhin fragte ich die Wanderer und sie bestätigten mir, daß sie mich mit dem Vogel schon vor drei Jahren gesehen hätten, sie könnten sich noch gut daran erinnern.

Jakob im Apfelbaum

Jakob im Apfelbaum (der eine Apfel befindet sich im Vordergrund und täuscht falsche Größen vor)

Jakob kann auch nachtragend sein. Einmal habe ich mit ihm richtig geschimpft. Daraufhin kam er tagelang nur zögerlich zu mir und mit "kraulen" war gar nichts mehr. Würde ich ihn mal schlagen (schließlich zwickt er mich immer mal ganz kräftig), ich glaube, er würde mir das nie verzeihen.

Es gibt Raben die sprechen können, Jakob kann das leider nicht. Er versteht fast alles was man ihm sagt, aber die Kommunikation in Gegenrichtung geschieht mit Gestik und dreierlei Krächzlauten. Da wären: "ich möchte Wasser zum Baden", "ich freu mich schon riesig drauf und kanns kaum erwarten" und "geh weg, ich will meine Ruhe haben". Meine Frau und ich sind auf seine Gestik schon so eingefuchst, daß meist ein Blick genügt und wir erkennen seinen Wunsch. Im übrigen ist es gar nicht so schlimm, daß Jakob nichts sagt. Es wäre sicherlich nur ein zufälliges nachplappern, ohne Bezug auf die Sache. Womit ich nicht in Abrede stellen will, daß es Vögel gibt die sachbezogene Sprache von sich geben. Aber das sind Ausnahmen.
Um so mehr ist Jakob ein Fuchs im Verstehen der menschlichen Sprache. Mir ist bekannt, daß fast jedem sein Tier das Beste ist, das meiste kann und das einzigartigste der Welt. Der Mensch ist nun mal so. Trotzdem bleibe ich bei meiner Aussage. Jakob geht nicht nur nach Art und Klang von Gesagtem, nein er achtet auf einzelne Wörter, auch wenn sie von unterschiedlichen Personen stammen.
Sehr früh mußte ich z. B. erkennen, daß ich nur einmal zu meiner Frau sagen konnte: "mach mal die Käfigtür zu, ich will ihm die Nägel schneiden". Beim zweiten Mal war er schon im Käfig bevor ich zu Ende sprach und meine Frau reagieren konnte. Dazu ist zu erklären, daß Jakob über Normal kräftige Zehennägel hat die sich nicht von alleine abnützen. Und welches Tier läßt sich gern die Nägel schneiden, Jakob jedenfalls nicht. Dabei muß ich noch erwähnen, daß man nicht an ihn ran kommt, wenn er im Käfig ist. Und das ist gut so, es ist schließlich auch seine Zufluchtstätte. Jedenfalls sind wir bald mit unserem Wortschatz am Ende. Jedesmal bedarf es den unterschiedlichsten Umschreibungen unter Verwendung eines möglichst gleichgültigen Tonfalls, damit Jakob bei einer derartigen Absicht nichts merken soll.
Meist sitzt ja ein Vogel da und schaut gleichgültig in die Welt. Jakob aber nicht wenn ich mit meiner Frau rede. Besonders wenn es um ihn geht, saugt er förmlich die Worte in sich hinein. Dabei dreht er den Kopf nach oben und schaut uns richtig an. Das fiel auch schon Spaziergängern auf die unterwegs um ihn standen und von seinen schönen Federn sprachen. Er hört das gerne und schaut sich bei solchen Äußerungen die entsprechenden Personen sehr genau an. Anscheinend ist Jakob sogar eitel.
Ein weiteres Beispiel für Jakob`s Verständnis für Sprache zeigt sich in der Tatsache, daß er sehr wohl unterscheidet zwischen: "wir gehen zum Wasser" und "wir gehen ins Tal zum Wasser". Wie ich ja schon erwähnte, badet Jakob leidenschaftlich gerne. Beim Spazierengehen läßt er keine Pfütze aus. Auch kann es ihm nicht kalt genug sein. So muß ich ihm im Winter das Eis der zugefrorenen Pfützen zertreten, damit er ans Wasser kommt. Sein allerliebster Badeplatz ist ein Quellzufluß zum Bach, weit unten im Tal. Dort ist das Wasser immer recht kühl und sauber. Jakob ist mit der Lautäußerung: "ich freu mich schon riesig drauf" sehr sparsam. Aber er gibt immer, bereits hunderte Meter vorher diese speziellen Freudenlaute von sich, egal von welcher Seite wir uns nähern. Aber nun zum Eigentlichen: sehr häufig sage ich unterwegs zu Jakob: "wir gehen zum Wasser" (es gibt einige andere Wasserstellen). Da geschieht nur eine kleine Reaktion. Sage ich aber: "wir gehen ins Tal zum Wasser", dann geht schon der "Freudentaumel" los. Sogar schon, wenn ich ihm das zu Hause vor dem Weggehen verspreche. Folglich macht Jakob feine Unterschiede indem was man ihm sagt und achtet nicht nur auf "grobe" Sprachmerkmale.

Jakob`s liebste Beschäftigung: im Bach baden

Jakob`s liebste Beschäftigung: im Bach baden (Er ist wirklich keine Ente!)

Es gibt natürlich noch weitere Punkte aus denen ich Jakob`s Fähigkeiten auf diesem Gebiet gut ableiten kann. Deren Aufzählung würde aber zu weit führen. Bei allem Gesagten sollte man aber nicht vergessen, daß es sich um einen Vogel handelt. Vergleiche mit Säugetieren zu ziehen, deren Entwicklungsstand höher anzusiedeln ist, wäre hier nicht angebracht.